Wie lange Trauerbewältigung dauert, ist von Person zu Person individuell. Die neunundzwanzigjährige Nina-Marie Danner leidet zwei Jahre nach dem plötzlichen Tod Ihres Partners Eric immer noch stark unter dem Verlust. Aus praktischen Gründen wohnt sie seit einiger Zeit mit ihrer geschiedenen Mutter Paula zusammen. Deren Wohnung befindet sich nämlich in Laufnähe zu den beiden aneinandergrenzenden Läden der beiden Frauen.
«Buch und Blume» heisst das kleine Geschäft in Spandau. Die Mutter führt den Blumenladen, Nina die Buchhandlung mit einem speziell kuratierten Sortiment. Nach Erics Tod hat die junge Frau zunächst im mütterlichen Shop ausgeholfen und als das direkt daneben liegende Nachbargeschäft frei wurde, dort ihren Traum vom eigenen Buchladen verwirklicht.
Nina ist sehr stolz auf ihre eigene kleine Buchhandlung. Ihre Leidenschaft fürs Geschriebene zwischen Buchdeckeln lenkt sie von der Trauer ab und ist die beste (oft auch die einzige) Motivation am Morgen, nicht einfach im Bett liegen zu bleiben. Nach Ladenschluss wird die junge Frau aber regelmässig von ihrem Kummer eingeholt und bricht oft in Tränen aus. Ihre Mutter versucht immer wieder erfolglos, sie zum Ausgehen und Pflegen von sozialen Kontakten zu bewegen. Aber nur selten trifft Nina sich mit der letzten verbliebenen Freundin.
Schliesslich entscheidet Nina, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschliessen. Sie nimmt dort die Idee auf, ihren Schmerz von der Seele zu schreiben, indem sie die kurze, intensive Zeit mit Eric mit einer Art Tagebuch reflektiert. In den im Roman kursiv gedruckten Abschnitten notiert sie als Marie, wie sie Eric an einem Muttertag kennengelernt hat und über ihre gemeinsame Reise ohne Gepäck in ein englisches Bücherdorf.
Eine Stammkundin kauft im Blumenladen regelmässig besonders stark duftende Bouquets und holt diese persönlich ab. Als eine solche Bestellung eines Tages ausnahmsweise geliefert werden soll, übernimmt Nina diese Aufgabe und steht unvermittelt ihrem Lieblingsschriftsteller Curt Fernau gegenüber. Die Begegnung mit dem ungehobelten älteren Mann ist für die Buchhändlerin ziemlich ernüchternd, weil die Realität wenig mit ihrer Vorstellung von einem sympathischen Autor zu tun hat. Es dauert nämlich paar Momente, bis Nina begreift, dass Fernau blind ist und sie versteht, warum bei seinen Blumenlieferungen primär der Duft und nicht die Farben wichtig sind.
Die durch einen Selbstunfall verursachte Sehbehinderung darf auf Verlangen von Curt Fernau auf keinen Fall an die Öffentlichkeit dringen. Da er aber von Ninas Stimme angetan ist, lädt er sie ein, am Sonntag jeweils für ihn aus Büchern vorzulesen. Auch mit ihrer Mutter darf die Buchhändlerin nicht über die Blindheit reden und braucht deshalb Ausreden für ihre ungewohnte sonntägliche Abwesenheit vom Frauenhaushalt. Ausserdem erhält «Buch und Blume» den Auftrag, die Fernausche Terrasse umzugestalten und die Leserin wird in die Überlegungen zur Pflanzenauswahl einbezogen (z.B. keine Bienenweiden).
Um noch mehr Zufälle aus dem Buchtitel zu bedienen, trifft Nina bei ihrem Lieblingsschriftsteller einen Teilnehmer von ihrem einzigen Besuch der Selbsthilfegruppe wieder, der sich als Sohn von Fernau entpuppt. Mit den neuen Aufgaben in Kombination mit ihrem schriftlichen Aufarbeiten der Vergangenheit heilt Ninas Herz langsam, aber stetig. Und es sind nicht mehr nur die Blumen und Buchrücken farbig, sondern Ninas Leben und Stimmung wechselt immer öfter von grau und schwarz zu bunt.
Die Trauerbewältigung ist einfühlsam beschrieben und dazwischen ist die Leserin dabei, wenn prächtige Blumensträusse gebunden oder Buchlieferungen sortiert und in die Regale einsortiert werden. Gegen Ende der Lektüre wird Nina Zielscheibe von ungerechtfertigten Anschuldigungen. Diese Seiten passten für mein Empfinden irgendwie nicht so richtig in die Erzählung und die Auflösung dünkte mich seltsam.
Neben Zufällen und ihrer Zufälligkeit spielt auch die farbenfrohe tropische Pflanze Caladium eine Nebenrolle.
Lilli Beck:
Die Zuverlässigkeit des Zufalls
Atlantik Verlag, 2025
Alle in diesem Beitrag erwähnten Bücher habe ich selber gekauft. Ich bin niemandem gegenüber in irgendeiner Weise verpflichtet und generiere keine Einnahmen aus den im Sofagarten vorgestellten Büchern.