Sarah Beth Durst: Spellshop Cozy Fantasy (deutsch)

Die letzten zwei, drei Wochen habe ich meine Lesezeit hauptsächlich im von der Autorin Sarah Beth Durst kreierten Mondsichelreich verbracht. Ich habe etwa mitgefiebert, wenn die «entstatuisierte» Bibliothekarin Terlu Perna im zweiten Band der Spellshop Cozy Fantasies versucht hat, mit der Wirkung von Zaubern Gewächshäuser zu reparieren. Oder meine grünen Daumen gedrückt, wenn im ersten Band bereits Kiala, eine andere Hüterin von Bücherschätzen, probiert hat, dem Pflanzenreich ihrer Heimatinsel ohne Befugnis mittels einfacher, angelesener und selbst interpretierter Magie das Überleben zu ermöglichen. Und zwar wie Terlu ohne die erforderliche Ausbildung in Zauberkunst.

Terlu hat die sechs Jahre zuvor ausgebrochene Revolution im Kaiserreich und den Tod des Herrschers wegen ihrem langjährigen Bann auf einem Sockel als Statue verpasst, indessen die Leserin Kialas Flucht aus der von schweren Unruhen geplagten Kanalstadt im Kopfkino im ersten Buch mitverfolgt hat. Als nämlich die wichtigste Bibliothek des Kaiserreichs in Alyssium zusammen mit zahlreichen anderen Gebäuden in Flammen aufgegangen ist, hat die junge Bibliothekarin Kiala zusammen mit der sprechende Spinnenpflanze Caz auf einem Boot mit einigen Kisten voller wertvoller alter Bücher die zuvor prächtige Stadt in letzter Minute verlassen.

Der Weg führte die beiden auf Kialas Heimatinsel Caltrey, die sie als neunjähriges Mädchen zusammen mit ihren Eltern verlassen hat. Vater und Mutter sind bereits vor einiger Zeit gestorben und Freundschaften hat die Bibliothekarin in Alyssium nicht gepflegt. Schliesslich hat sie schon als Mädchen lieber in Büchern geschmökert, als sich mit Gleichaltrigen zu treffen. Im leerstehenden elterlichen Cottage finden die beiden nach ihrer anstrengenden Flucht eine Bleibe. Haus und Garten sind zwar vernachlässigt, aber diese Probleme sind gut lösbar. Dringender sind Fragen wie, sie an Nahrung gelangen, ein Einkommen erzielen oder Produkte herstellen können, die vielleicht gegen Lebensmittel getauscht werden können. Wie und wo können die Zauberbücher sicher versteckt werden? Oder liegt die Antwort auf diese Fragen vielleicht gerade in den Bücherkisten? Und wie steht es mit Vertrauen in Nachbarn?

Und da ist noch das latent schlechte Gewissen, wegen eben dieser Zauberbücher, die Kiala ohne Erlaubnis gerettet hat. Wo ist die Grenze zwischen Rettung oder Diebstahl? Es ist ausschliesslich der Elite des Inselreichs gestattet, Magie anzuwenden und Bibliothekarinnen zählen nicht dazu. Die Wirtschaft der verschiedenen Eilande ist darauf angewiesen, dass etwa das Wetter durch regelmässige Zauberinterventionen stabil gehalten wird. Wegen dem seit der Revolution dominierenden Chaos entfallen die früher regelmässigen Besuche von Zauberern und die Folgen für Mensch und Umwelt im Inselreich werden laufend deutlicher spürbar. Pflanzen sterben ab und immer mehr Nahrungsquellen schwinden oder versiegen ganz.

Im zweiten Band findet sich Terlu also sechs Jahre ihrer Verurteilung in eine Statue auf einer Insel mit dreinhundertfündundsechzig Gewächshäusern und einem einzigen Gärtner wieder. Weder weiss sie von den Unruhen, noch warum sie plötzlich begnadigt worden ist, wo sie überhaupt aufgewacht ist und ob diese «Entstatuisierung» von Dauer oder vielleicht auch nur vorübergehend ist. Jedenfalls ist es auf der Insel Belde eiskalt und es liegt viel Schnee. Terlu gelingt es, sich Zutritt in ein Gewächshaus zu verschaffen, wo sie sich aufwärmen kann.

Auf der Suche nach Nahrung und Bewohnern stellt sie rasch fest, dass sich ein Glashaus ans nächste reiht und in diesen unterschiedlichen Pflanzen in verschiedenen Klimazonen wachsen. Die junge Frau durchstreift etliche Glashäuser. Mal kämpft sie sich an wuchernden Ranken vorbei, läuft über von üppigen Büschen und Farnen gesäumte Pfade oder entlang von farbenprächtigen Lilien und Tulpenbäumen, die Blüten und Äste der Sonne entgegenstrecken. Es gibt Tomaten in einer unvorstellbaren Vielfalt und, wie sie später erfährt, über dreitausendsiebenhundert Sorten. An Tomatensträuchern hängen runde, ovale und platte Früchte in allen erdenklichen Gelb- und Rottönen bis hin zu fast Schwarzen Paradiesäpfeln.

Schliesslich trifft Terlu auf einen jungen Gärtner. Der Einzelgänger Yarrow Verdane. ringt unermüdlich um den Erhalt der Gewächshäuser und ihre Bewohner, welche die Botanik des Planeten repräsentieren. Alle anderen Insulaner haben ihre Heimat schon vor Jahren Richtung Hauptinsel verlassen. Yarrow ist alleine zurückgeblieben und allen seinen unermüdlichen Bestrebungen zum Trotz, ist der Verfall der Glashäuser nicht aufzuhalten. Die Zahl der funktionierenden Glashäuser ist bereits deutlich auf einhundertneunzig geschrumpft. Viele Scheiben weisen Risse auf oder es fehlen reihenweise ganze Gläser und die Winterkälte und sogar Schneeflocken dringen hinein

Bäume, Blumen, Kräuter, Kakteen – ein grosser Querschnitt der weltlichen Pflanzenarten ist im Mondsichelreich vertreten. Mit Magie ist dem idealen Wachstum von Gewächsen in der Regel keine Grenzen gesetzt und jegliche Klimazonen können auf Belde in den vielen Gewächshäusern nachgebildet werden, um die Bedürfnisse des Grünzeugs zu erfüllen. Da rankt und blüht es aus Beeten, Töpfen und es gibt sogar Grünzeug, das singen kann.  Kann, darf oder muss Terlu zaubern, um die Pflanzenwelt samt singenden grünen Bewohnern zu retten? Oder ist die gesamte Insel dazu verdammt, sich in eine riesige Ruhestätte von verdorrtem Grünzeug zu verwandeln?

Kiala und Terlu haben bei unabhängig voneinander und ohne sich persönlich zu kennen, in der riesigen Bibliothek von Alyssium gearbeitet. Doch es gib noch eine weitere Verbindung zwischen den beiden jungen Frauen, die beide auf einer Insel fernab der Hauptstadt ein neues Leben aufbauen. Und zwar hat Terlu, die keinen anderen Weg sah, sich von ihrer belastenden Einsamkeit zu befreien, durch illegales Zaubern die kluge sprechende Spinnenpflanze Caz geschaffen. Für dieses frevelhafte Tun ist sie mit der Statuisierung hart bestraft worden und Caz hat sich Kiala angeschlossen.

Ich lese selten bis nie Fantasiebücher. Die von Sarah Beth Durst geschaffene Zauberwelt mit samt geflügelten Katzen, der liebenswerten sprechenden Auferstehungsrose Lotti (Anastatica hierochuntica) Seepferden, auf deren Rücken übers Meer geritten werden kann, dünkt mich klug durchdacht und äusserst faszinierend. Mit den Büchern wird die Botschaft von Hoffnung vermittelt und wie wichtig gegenseitiger Unterstützung und zweite Chancen sind. Es gibt immer einen Weg, auch wenn die Voraussetzungen wenig Zuversicht verheissen lassen. Ein altes Familienrezept für Marmelade kann ausreichen, einen erfolgreichen Neuanfang aufzugleisen. Und sogar schliesslich zu Erkenntnis führen, dass Familie nicht zwingend bedeuten muss, miteinander verwandt zu sein.

Geärgert habe ich mich über die neumodischen Pronomen, die meinen Lesefluss immer wieder gestört haben. Ob die Sofagärtnerin sich an diese ungewohnten Worte in Texten irgendwann mal gewöhnt? Das werde ich spätestens beim Lesen der Fortsetzung testen, die im Herbst 2026 erscheint.

 

Sarah Beth Durst:
Spellshop – Vom Zauber der kleinen Dinge

Fischer Verlag, 2024

The Enchanted Greenhouse – Ein Schimmer der Hoffnung
Fischer Verlag, 2025

Sea of Charms – Das sanfte Lied der Freiheit
Fischer Verlag, Herbst 2026

 

Alle in diesem Beitrag erwähnten Bücher habe ich selber gekauft. Ich bin niemandem gegenüber in irgendeiner Weise verpflichtet und generiere keine Einnahmen aus den im Sofagarten vorgestellten Büchern.

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