Annabel French: Der schwimmende Blumenladen von Amsterdam

Hin und wieder schaue ich im TV in Formate rein, die Auswanderer und ihren Neuanfang im Ausland begleiten. Die meisten wagen den Start in ein neues Leben in der Ferne auf der Basis von konkreten und gut durchdachten Plänen. Natürlich kann nie alles vollumfänglich im Voraus geplant werden. Das Leben und insbesondere das Auswandern ist ein grosses Abenteuer mit Überraschungen. Nicht zuletzt gelten in anderen Ländern schliesslich auch andere Sitten.

Rosie aus dem Roman «Der schwimmende Blumenladen von Amsterdam» bricht mit grossen Träumen und erstaunlich unvorbereitet, ja sogar naiv, ihre Zelte in England ab. Sie beabsichtigt, in Amsterdam auf dem berühmten Bloemenmarkt einen eigenen Laden eröffnen. Sie verfügt weder über nennenswerte finanzielle Reserven, noch hat sie mehr als minime Basiskenntnisse der niederländischen Sprache. In keinem ihrer bisherigen Jobs hat sie es lange ausgehalten. Kürzlich aber hat die Endzwanzigerin einen Kurs in Floristik abgeschlossen und will dieses Können und Wissen nun umsetzen. Ihre Schwester versucht erfolglos, sie von der Idee abzubringen, ohne Arbeitsvertrag in ein fremdes Land zu ziehen.

Den bekannten Amsterdamer Blumenmarkt hat Rosie im Internet entdeckt. Dessen Gewächshäuser stehen auf schwimmenden Plattformen, sogenannten Pontons. Obwohl die junge Frau selber noch nie den Grachten entlang geschlendert ist, hat die niederländische Hauptstadt sie schon immer fasziniert. Die blumigen, von ihrer früh verstorbenen Mutter geerbten Gene tun ein Übriges, dass der Bloemenmarkt wie ein Magnet auf sie wirkt.

Beim Lesen sind mir immer wieder die Haare zu Berge gestanden. Sogar ich wäre besser aufs Auswandern nach Amsterdam vorbereitet… Ich war immerhin vor etlichen Jahren zwei- oder dreimal auf dem Bloemenmarkt und habe als Mitbringsel grosse Cyclamenknollen nach Hause gebracht. Und ja, ich nehme an, die Pflanzen leben noch. Wissen tu ich es nicht, da der Garten inzwischen von den Cyclamen quasi übernommen worden ist. Besonders die Cyclamen coums haben sich inzwischen fast in jeder Ecke ausgebreitet und die Wiese kann kaum mehr ohne Kollateralschäden betreten werden. Aber zurück zu Rosie.

Mit nur einem Koffer, aber umso mehr positiven Gedanken und Wunschvorstellungen trifft Rosie in Amsterdam ein. Der erste Dämpfer lässt nicht lange auf sich warten. Das für ein paar Monate gemietete Schnäppchenboot mit dem verheissungsvollen Namen «Vergissmeinnicht» ist alles andere als wohnlich. Einige der zahlreichen Unzulänglichkeiten lassen sich mit gründlichem Putzen, frischer Farbe und farbigen Kissen aus der Welt schaffen. Doch etliche Schäden aus falschem oder vernachlässigtem Unterhalt verlangen nach Fachleuten und Geld.

Rosie lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Die unverbesserliche Optimistin ist bei ihrem ersten nicht-virtuellen Besuch des Bloemenmarkts von der farbenprächtigen Pflanzenvielfalt überwältigt. Durch eine Zufallsbekanntschaft erfährt sie, dass für das Betreiben eines Standes eine Lizenz notwendig ist und das Ergattern einer solchen etwa so wahrscheinlich ist wie ein Sechser im Lotto. Ausserdem gibt es lange Wartelisten von Mietinteressenten. Rosie hatte einfach mal angenommen, dass wie in London ohne Hindernisse ein freier Stand gemietet werden kann…

Aber da es sich um einen sogenannten Wohlfühlroman handelt, lösen sich diese und eine Menge weitere Probleme natürlich früher oder später recht einfach in Luft auf. Rosie schafft es dank Sympathie und schriftstellerischer Freiheit der Autorin tatsächlich, einen winzigen Blumenstand zu mieten. Damit zieht sie sich schon mal den ungezügelten Ärger des Standnachbarn zu, der schon vor ihrem Erscheinen Interesse an der Übernahme angemeldet hat.

Rosie will sich mit einem besonderen Sortiment von den deutlich grösseren Nachbarständen abheben. Sie bringt mit Kräutern und Staudenblumen englisches Landschaftsgartenflair auf den Bloemenmarkt und hält Vorträge zu botanischen Themen. Doch der schlechte Verlierer von oben tut alles, um ihr zu schaden und schreckt auch vor Ideenklau nicht zurück.

Und dann gibt es da noch Max, den übellaunigen Bootnachbar. Max ist ein Maler in einer Schaffenskrise, der keine Touristen mag. Eine besonders starke Abneigung hat er gegen solche mit grossen Rucksäcken. Der Künstler fühlt sich durch die fröhliche neue Bewohnerin der «Vergissmeinnicht» genervt. Rosie hingegen fühlt sich von ihm angezogen und will ihm unbedingt die Freude am Malen wieder zurückbringen und er zeigt ihr schliesslich Ecken von Amsterdam, die nicht in jedem Reiseführer stehen.

Mit Schwester und Vater bleibt der Kontakt trotz den vielen Kilometern, die zwischen den Wohnsitzen liegen eng. Rosie kann jederzeit auf moralische Unterstützung via Videocalls zählen. Und ihrer verstorbenen Mutter, die sowieso immer noch eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielt, fühlt sich Rosie in Holland fast noch mehr verbunden als in England. Gewissermassen realisiert sie auch die unerfüllt gebliebenen Träume ihrer Mutter. Zwischen einigen Höhen und Tiefen geht nie die Freude an ihrem neuen Job verloren, der trotz den vielen Herausforderungen mehr Passion als Bürde ist. Mit ihrer nicht versiegenden Zuversicht vermag sie sogar die Menschen aus ihrem neuen Umfeld anzustecken.

Die zahlreichen Konflikte und Hürden werden für meinen Geschmack etwas gar einfach aus der Welt geschafft. Trotzdem habe ich das Buch gerne gelesen und während der Lektüre oft geglaubt, bald den Duft von Rosen, Kräutern und frisch gegossener Erde zu riechen.

«Der schwimmende Blumenladen von Amsterdam» ist das erste von drei Büchern einer Wohlfühlreihe aus der Feder von Annabel French, welche die Protagonistinnen und die Leserinnen zu Traum-Reisezielen in Europa führen. Ein schwimmender Buchladen in Veneding und ein schwimmendes Café in Kopenhagen wären noch zu bieten.

 

 

Annabel French:
Der schwimmende Blumenladen von Amsterdam (Band 1 Buchreihe Love and the City)
dtv, 2026

 

Alle in diesem Beitrag erwähnten Bücher habe ich selber gekauft. Ich bin niemandem gegenüber in irgendeiner Weise verpflichtet und generiere keine Einnahmen aus den im Sofagarten vorgestellten Büchern.

 

 

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