Andreas Maier: Die Grauen Gärtner vom Spreeblick

Das Interesse am Gärtnern ist nicht an ein bestimmtes Alter gebunden und wird mal schon im Teenageralter geweckt oder eben auch erst in der sogenannten Lebensmitte. Stehen bei Kleinkindern die Befriedigung der Neugierde und schnelle Keimerlebnisse im Vordergrund, legen junge Erwachsene vielleicht den Fokus aufs Urban Gardening, während Familien und Berufstätige im Garten einen Ausgleich zum Alltag suchen. Ich wage mal zu behaupten, dass das Interesse an Dreck unter den Fingernägeln bei den wenigsten Gärtnern erst im fortgeschrittenen Seniorenalter entwickelt wird.

Bei den vier grauen Gärtnern aus dem Altersheim Spreeblick ist genau letzteres zutreffend. Sie sind um die achtzig Jahre alt, teils zählen sie auch bereits deutlich mehr Lenze. Und nicht nur ihre Beweggründe fürs Erwachen der Gartenlust sind besonders, auch was ausgesät, gepflegt und geerntet wird ist eher exzentrisch. Die neu entwickelte grüne Liebe und die damit verbundenen Herausforderungen hat der Autor in äusserst vergnüglichem Schreibstil festgehalten, nämlich in der «Chronik eines gnadenlosen grünen Erwachens» (Zitat aus dem Buch). Aus seinen persönlichen beruflichen Erfahrungen aus dem Pflegealltag hat Andreas Maier eine vielseitige und turbulente Geschichte über Freundschaft, Zusammenhalten für gemeinsame Ziele und Rebellion in Kombination mit beachtlichem hortikulturellen Kontext verfasst. Diese ist sehr witzig, aber oft auch gleichzeitig etwas traurig ist und regt immer wieder zum Nachdenken an.

Egon Kowalski wird bald neunzig Jahre alt. Vier Mitbewohner wollen dieses Ereignis unbedingt gebührend feiern. Der Jubilar ist die gute Seele des Altersheims und er soll mit einem unvergesslichen Geburtstagsfest überrascht werden. Auch wenn die notwendigen Ausgaben auf ein Minimum reduziert werden, kostet die Feier rund dreitausendzweihundert Euro. Eine enorme Summe, welche die nicht auf Rosen gebetteten Senioren nicht einfach so hinblättern können.

Hin und her wird überlegt, wie das Geld zusammengekratzt werden kann und schliesslich wird eine Idee geboren, welche die Altersheimbewohner zwingt, während Jahrzehnten befolgte Prinzipien und Regeln über Bord zu werfen. Das fällt nicht allen vieren gleich einfach. Das bald gewohnheitsmässig notwendige Lügen ist da noch ein relativ kleines Übel.

Renate, Elfriede, Friedrich und Kalle gründen gewissermassen mit dem einzigen Zweck, Egon eine Geburtstagsparty zu finanzieren, eine landwirtschaftliche Senioren-Genossenschaft. Im hintersten Keller des katholischen Altersheims wollen sie Cannabis sativa aussäen, aufziehen, zur Ernte bringen und schliesslich verkaufen. Die Ausführung des Plans ist komplex und birgt natürlich etliche Risiken. Der emeritierte Botanikprofessor Friedrich bringt den notwendigen hortikulturellen Hintergrund ins Team, Kalle ist fürs Elektrische zuständig und Renate kümmert sich als pensionierte Oberfinanzinspektorin um die Ein- und Ausgaben.

Mangels ausreichend vorhandenem Startkapital in Form von Geldern sind innovative Ideen und Lösungen gefragt, um gute Erde, Lampen, Gefässe und Saatgut zu beschaffen. Kreatives Denken ist auch von Nöten, wenn teilweise überkorrekte Bürger plötzlich vor ihrem eigenen Gewissen unerlaubtes Stromabzapfen als quasi legal verantworten müssen. Laute Bohrungen müssen mit anderen Lärmimmissionen übertönt werden und wenn es in der Seniorenunterbringung plötzlich nach Hanf duftet statt nach Desinfektionsmittel und Kamillentee, müssen halt Kuchen am Laufmeter gebacken werden. Improvisation ist auch beim zwingend notwendigen Dünger notwendig, da die Handelsware viel zu teuer ist.

Mühsam werden die notwendigen schweren Utensilien für den Start des grünen Projekts mit Rollstuhl und Rollator herangeschafft. Zu einem späteren Zeitpunkt müssen dann die bereits stark in die Höhe gewachsenen Pflanzen sogar in einer Nacht-Nebel-Aktion wegen Gefahr in Verzug vom Keller ins Dachgeschoss transportiert werden. Und nur wenig später wieder herunter. Immer wieder kommt der Leserin der Gedanke an leichte, nein eher heftige Übertreibungen und Unglaubwürdigkeit. Sie leidet allein vom Lesen stellvertretend fast an heftigen Rückenschmerzen. Doch der Autor setzt geschickt Grenzen, so dass an der Plausibilität zwar heftig gekratzt, diese aber als dichterische Freiheit leichten Herzens verziehen wird. So gibt es etwa unter den Angestellten des Spreeblicks durchaus Mitwisser, die etwas vermuten, womöglich auch wissen und sogar ihre indirekte oder direkte Unterstützung anbieten.

Mit ausgeklügelter Planung und der Anwendung von diversen Tricks wird der «Plan Hanf» durchgezogen. Schnell ist der wöchentliche Bingoabend nicht mehr der Höhepunkt im Seniorenalltag. Die vier Neugärtner haben in ihren Alltag das Meistern von einer Herausforderung nach der anderen zu integrieren. Das Kräfte verschleissende Projekt sorgt für Zusammenhalt und wirkt als Jungbrunnen, in dem Selbstmitleid kein Raum eingeräumt wird. Rückschläge sorgen für Spannung in der Lektüre und schliesslich wird das grauhaarige Gärtnerteam noch um ein seit Wochen vermisstes vierbeiniges Mitglied ergänzt.

Die schlagfertigen Dialoge sind äusserst vergnüglich zu lesen und lassen die Irritation darüber, dass zwei auseinanderliegende Kapitel ähnlich beginnen (von wegen Übergang des Monats Mai in den Juni) schnell vergessen. «Seine arthritischen Gelenke knacken so laut wie brechendes Holz» (Zitat aus dem Buch) ist einer meiner Lieblingssätze in der Lektüre. Und wann liest frau sonst schon von richtiger Geldwäsche samt faltenlosem Bügeln der Noten? 

Inhalt und Thematik der Lektüre von «Die grauen Gärtner vom Seeblick» erinnern mich an die Serien «Weeds» und «Breaking Bad». Allen dreien gemeinsam ist, dass sie mich trotz Faszination zwiespältig zurücklassen. Es ist schon erschreckend, festzustellen wie mitreissend Illigalität sein und zum Mitfiebern anregen kann. Ganz zu schweigen von der in der Leserin ausgelösten Empathie…

Die lieb gewonnenen Senioren können übrigens weiter begleitet werden. Ein Folgeband ist angekündigt.

 

 

Andreas Maier:
Die Grauen Gärtner vom Spreeblick
Eigenverlag, 2026

 

Alle in diesem Beitrag erwähnten Bücher habe ich selber gekauft. Ich bin niemandem gegenüber in irgendeiner Weise verpflichtet und generiere keine Einnahmen aus den im Sofagarten vorgestellten Büchern.

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