Naomi Kuttner: Ratgeber des pensionierten Auftragskillers  

Hortikultur, ein Auftragsmörder und Geister sind bedeutende Elemente der drei Ratgeber umfassenden Buchreihe von oder über den pensionierten Auftragskiller Dante Reid der neuseeländischen Autorin Naomi Kuttner. Zwei dieser Kriminalromane habe ich gelesen, und zwar für Sofagartenbesucherinnen wenig überraschend, jene mit Tipps «fürs ländliche Gärtnern» (Band 1) und «für die Orchideenjagd» (Band 2). Wobei sich mir nicht wirklich erschlossen hat, warum es sich um Ratgeber handeln soll. Aber egal, die Lektüre war positiv anders als erwartet. Ich hatte etliche Vorbehalte, meine Lesezeit einem Auftragskiller zu widmen. Doch tatsächlich (oder erschreckenderweise?) hat sich dieser trotz oder vielleicht auch wegen seinen unterirdischen Sozialkompetenzen und emotionalen Defiziten meine Sympathien erschlichen.

Dante Reid hat nicht nur sprichwörtlich viele Leichen im Keller. Aber kürzlich hat er seinen nicht nur für seine Opfer aus der Unterwelt gefährlichen Job an den Nagel gehängt und wohnt seit sechs Wochen im fiktiven neuseeländischen Küstenstädtchen Te Kohe in einer Villa aus 1920er Jahren. Der Enddreissiger ist zum ersten Mal in seinem Leben sesshaft und will seine Ruhe pflegen. Er hat keinerlei Verlangen, Kontakte mit seinen Nachbarn oder anderen Bewohnern zu pflegen. Ein gegenseitiger Besuch alle sieben Jahre findet er angemessen, falls überhaupt einer notwendig sein soll.

Wöchentlich nimmt er an On-line-Treffen der AA teil. AA steht in der Lektüre für «anonyme Auftragskiller». Meistens jedenfalls. Zu den ärgerlicherweise sehr zahlreichen Übersetzungs- und Orthografiefehlern in den Büchern reiht sich auch die Diskrepanz, dass aus AA plötzlich anonyme Alkoholiker werden. Ansonsten sind die Tage des sehr-früh-Pensionierten ausgefüllt mit der Pflege seiner zahlreichen Tatwerkzeuge und dem Zählen von rückfallfreien Tagen. Jede Woche ohne neue Leiche, die auf seine Kosten geht, ist ein Erfolg.

Mit seinem Haus, das er ohne vorherige Besichtigung gekauft hat, ist Dante auch in den Besitz eines Gartens und eines Gewächshauses gekommen. Er erfähtt, dass in einem grossen Blumentopf im Glashaus eine noch unsichtbare Titanwurz (Amorphophallus titanum) stecken soll, die in Kürze blühen wird. Dabei handelt es sich um ein spektakuläres, die Riechorgane strapazierendes Ereignis, das nicht nur die Mitglieder des lokalen botanischen Vereins in Dantes Garten locken wird.

Dante ist wenig begeistert als er erfährt, dass mit Hauserwerb etliche hortikulturelle Verpflichtungen einhergehen, damit die botanischen Schätze der Vorbesitzerin weiter gedeihen und blühen. Neben dem Öffnen des Gartens zur Titanwurzblüte gehört offenbar, dass der junge Gärtner Charlie sich weiterhin um alles Grüne kümmert. Widerstrebend akzeptiert Dante diese Tatsache. Es bleibt nicht das einzige Eindringen von Lebewesen in seinen neuen Alltag. Eine Katze schleicht sich ebenfalls ungefragt in sein Leben. Und schliesslich in sein Herz.

Der örtliche Bösewicht Ted weiss über jeden Dreck am Stecken von jedem Bewohner in Te Kohe Bescheid und hat auch über den äusserst zurückhaltenden Neuzuzüger Erkundigungen eingeholt. Mit seinem Wissen zwingt er Dante für ihn einen Personenschutzauftrag während einem grossen Feuerwerk anzunehmen. Just an diesem Anlass passiert ein Mord und sein Auftraggeber wird verletzt. Es gibt eine Menge Zeugen und nur zwei Personen ohne Alibi: Dante und Charlie.

Der einundzwanzigjährige gutgläubige Charlie kann keiner Seele etwas zuleide tun. In seiner Heimatstadt hat er seit frühester Kindheit den Ruf, komisch zu sein. Sein für Aussenstehende seltsames Verhalten ist massgeblich darauf zurückzuführen, dass er ständig von Geistern belagert wird, die (fast) nur er sehen kann. Er ist also nicht nur geübt im Umgang mit Schaufeln, Rechen und Spaten, sondern auch in Kommunikation mit Geistern, die unter einer blühenden Hoya-Ranke besonders mitteilsam sind. Die Unterhaltungen sind unterschiedlich spannend und aufschlussreich, aber den unsichtbaren Wesen gemeinsam ist, dass sie sehr gerne Klatsch und Tratsch verbreiten.

Dante und Charlie versuchen in der Folge mit Unterstützung von Eleanor Graham und Kommissar Avery ihre Unschuld zu beweisen, wobei letzterer anfangs das Gegenteil zum Ziel hat. Eleanor, die heutzutage ihre Freizeit dem örtlichen Blumenzirkel widmet, hat eine ähnlich halbseidene Vergangenheit wie Dante und verfügt entsprechend über interessante Fähigkeiten. Und wenn die undurchsichtigen Erfahrungen und Denkansätze nicht weiterhelfen, sind da noch die richtig durchsichtigen Geister, welche je nach Lust und Laune aushelfen.

Naomi Kuttner hat für diesen paranormalen Roman faszinierende Charaktere geschaffen. Dante wittert überall Gefahren. Sobald eine Herausforderung gelöst werden muss, gilt Dantes erster Gedanken, den langjährig gewohnten Lösungsansätzen, die er für die Liquidation von Menschenhändlern, Drogenschmugglern und Mördern angewendet hat. Doch wenn er Te Kohe nicht schon wieder mit einem anderen Namen und Pass verlassen will, muss den ausgeklügelten Machenschaften des örtlichen Bösewichts endlich ein Riegel geschoben werden. Da der Auftragskiller im Ruhestand jeden Satz für bare Münze nimmt, sind seine Versuche sich «normal» zu verhalten, zuweilen recht schräg und damit unterhaltsam.

Im zweiten Buch rund um einen internationalen Orchideenkongress sind die sofagärtnerisch interessanten Elemente mit Orchideenduell (wer hat die spektakulärste Orchidee) und Geisterorchideen in zwei Stichworten zusammengefasst.

 

 

Naomi Kuttner:
Der Ratgeber des pensionierten Auftragskillers fürs ländliche Gärtnern (Buch 1)
Der Ratgeber des pensionierten Auftragskillers für die Orchideenjagd (Buch 2)
Eigenverlag, 2025

 

Alle in diesem Beitrag erwähnten Bücher habe ich selber gekauft. Ich bin niemandem gegenüber in irgendeiner Weise verpflichtet und generiere keine Einnahmen aus den im Sofagarten vorgestellten Büchern.

 

 

 

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