Bevor im Frühling die neuen Blätter der Laubbäume austreiben, bilden auf Emma Lindners grosszügigem Grundstück unzählige Märzenbecher (Leucojum vernum) einen weissen Blütenteppich unter den noch lichtdurchlässigen Gehölzen. Die bis rund dreissig Zentimeter hohen Frühlingsknotenblumen werden von grasgrünen Blättern umrahmt und bevorzugen feuchte Böden. Die Zwiebelpflanzen sind zwar giftig, wurden aber früher trotzdem zu Heilzwecken genutzt.
Die Anfangfünfzigerin Emma Lindner läuft eines Tages weiter in den Wald herein und betritt einen Teil ihres Gartens, den sie bisher noch nicht durchstreift hat und stösst auf ein sie überragendes Tor. Der Torbogen ist mit einer stilisierten Blüte und Ranken verziert. Neugierig öffnet sie die Pforte und findet sich in einem kleinen verwilderten Garten wieder. Ein bemooster Stein, der mittig platziert ist, weckt Emmas Aufmerksamkeit. Um die teilweise verdeckte Inschrift entziffern zu können, wischt sie das Moos ab und liest: «Hier wächst, was heilt und tötet. Wähle weise.»
Emma Lindner ist erst vor einem Jahr mit dem Bedürfnis, ihr Leben umzukrempeln nach Himmelberg gezogen. Mit dem Entdecken des Giftgartens von Greta Mayerhofer stösst die ehemalige Lehrerin bereits auf ihr zweites lokales Rätsel, dem sie unbedingt auf den Grund gehen will. In einer Truhe, die sie noch nicht durchgesehen hat, entdeckt sie verschiedene persönliche Unterlagen der Vorbesitzerin ihres Daheims. Darunter das Botanisches Tagebuch der Greta Elisabeth Mayerhofer, begonnen am 15. März 1938.
Detailgetreue Zeichnungen von regionalen Wildpflanzen und Rezepte für Heilmittel mit Erklärungen zu Wirkungen und Nebenwirkungen wechseln sich mit Journaleinträgen ab. Emma erfährt bei der Lektüre, dass Greta in der Resistenza war. Die Tagebucheinträge werden kryptischer je länger der Krieg andauert, aber es scheint aus dem Geschriebenen hervorzugehen, dass fünf Frauen einen Kriegsverbrecher mit ihrem Wissen über toxische Pflanzen getötet haben.
Emma will dieses dunkle Kapitel des idyllischen Bergdorfs Himmelberg untersuchen lassen und zieht einen Spezialisten bei, der über Heilpflanzen im Widerstand forscht. Er soll den geheimen Giftgarten und die Rolle der Himmelberger Kräuterkundigen im zweiten Weltkrieg untersuchen. Diese geschichtliche Aufarbeitung löst Missfallen aus und Emma sieht sich mit Drohungen konfrontiert. Sie will aber weder die Spurensuche in der Vergangenheit einstellen, noch sich einschüchtern lassen.
Schliesslich wird der Spezialist ermordet aufgefunden und es folgen weitere Anschläge, welche sogar die Keramikkunst von Emma involvieren. Wer hat Jahrzehnte nach Ende des Krieges ein Interesse daran zu verhindern, dass Gretas Geschichte öffentlich wird? Es bleibt nicht bei einer Märzenbecherblüte von der die Leserin liest. Bis zum nächsten und übernächsten Frühling werden Eisenhut, Tollkirsche und Schierling aus dem Giftgarten verbannt, der Garten umgestaltet, Emma wird Co-Autorin eines Buches über Greta und die anderen Frauen der Resistenza und ein Botaniker schleicht sich in ihr Herz.
Die Inhaltsbeschreibung des Romans hat mich sofort fasziniert, das KI-Titelbild weniger und auch der Buchtitel «Mord im Märzenbecher» dünkte, dünkt mich seltsam. Obwohl ich den ersten Band der Reihe nicht gelesen habe, fand ich mich ziemlich gut in der Geschichte zurecht, auch wenn mir ein gewisses Vorwissen gefehlt hat. Dieses Manko (mein Fehler) fand ich allerdings weniger störend als etliche unnötige Fehler in Text und Logik.
Gibt es Situationen, in denen Selbstjustiz gerechtfertigt ist? Die Autorin schildert einfühlsam die Langzeitfolgen von Verleugnen, Verschweigen oder Verharmlosungen schrecklicher Taten von Vorfahren innerhalb von Familien auf die nächste Generation, ja sogar die nächsten Generationen. Grundsätzlich haben mir die Idee und die Umsetzung in der Erzählung gut gefallen und ich habe mich zu Beginn auf noch etliche weitere Stunden Lesefreude in den beiden Fortsetzungen gefreut. Die Folgebände werde ich aber trotz vermutetem umfangreichen hortikulturellen Hintergrund wohl eher nicht herunterladen. Aufgrund der gelesenen Buchproben von Band drei und vier sind nämlich störende Ungereimtheiten anhaltend.
Eine über fünfzigjährige Frau wird Mutter? Na ja, unmöglich ist das ja nicht zwingend und tatsächlich fehlen mir konkrete Details über das Zustandekommen der Mutterschaft. Auch die Reihentitel sind nicht einheitlich. Einmal sind es Emma-Lindner-Alpenkrimis, dann ist wieder von Himmbelberg-Krimis die Rede. Im Moment kann ich mich deshalb nicht entscheiden, für Folgetitel weitere zehn Euro (pro Buch) auszugeben
Die für mein Empfinden seltsame Titelformulierung setzt sich übrigens auch in den Folgebänden fort («Gift im Edelweiss» und «Frühling im Enzian»).
Annika Dämmerwald:
Mord im Märzenbecher (Emma Lindner Alpenkrimi 2)
Eigenverlag, 2025
Alle in diesem Beitrag erwähnten Bücher habe ich selber gekauft. Ich bin niemandem gegenüber in irgendeiner Weise verpflichtet und generiere keine Einnahmen aus den im Sofagarten vorgestellten Büchern.