Georgi Gospodinov: Der Gärtner und der Tod

Durch die tiefe Verbindung zwischen dem Gärtner und der Natur wird der Zyklus von Wachsen, Werden und Vergehen, welcher die Endlichkeit allen Lebens samt dem menschlichen Dasein einschliesst, weniger verdrängt und im besten Fall akzeptiert. Die körperliche Tätigkeit im Garten und das ständige sich Auseinandersetzen mit Abschied und Neuanfang schliesst auch die damit verbundene Annahme von Ohnmacht ein. Sie bietet neben einer grundsätzlichen Bodenhaftung auch therapeutischen Wert und immer wieder Optimismus und Hoffnung.

Akzeptanz liegt auch in den ersten beiden Sätzen des Buches «Der Gärtner und der Tod» von Georgi Gospodinov (Zitat): «Mein Vater war Gärtner. Jetzt ist er ein Garten». Der Garten bzw. die verschiedenen Lebensabschnitt-Gärten und der Vater bildeten jederzeit eine unzertrennliche Einheit. Schliesslich wurden auch oft Pflanzen von einem alten in einen neuen Garten umgesiedelt. Seien es Zwiebelblüher wie Narzissen, Tulpen und Hyazinthen oder sogar Pfingstrosen. Der Sohn sorgte sich oft, dass das Gärtnern die Kräfte des Vaters verzehrt und ihn schwächt.

Mit neunundsiebzig Jahren hat der Vater immer noch mit Hingabe einen grossen Gemüse- und Blumengarten samt Obstbäumen gehegt und gepflegt. Da wuchsen etwa Erdbeeren, Kartoffeln, Mais, Paprika und Tomaten, aber auch Tulpen, Rosen und Pfingstrosen. Pflanzen. Jäten, giessen, umgraben, spritzen, anbinden gehörten zum Alltag wie die Kreuzschmerzen zum Älterwerden. Letztere werden durchs Gärtnern wohl eher nicht weniger (jedenfalls meiner Erfahrung nach). Die Söhne wollen den Vater deshalb immer wieder davon überzeugen, sich die Strapazen, die mit dem Garten einhergehen, zu ersparen. Erst später begreifen sie, dass der alte und kranke Gärtner von seinem Wirken in der Natur mindestens so viel profitiert, wie er sich kräftemässig verausgabt.

Der beste Beweis dafür, dass die positiven Aspekte des Gärtnerns überwiegen, ist die Tatsache, dass eben ein Garten nach einer ersten Krebserkrankung vor siebzehn Jahren, dem Vater das Leben gerettet, ihm weitere eineinhalb Jahrzehnte geschenkt und mit Sinn und Freude gefüllt hat. Der Lebenswille wuchs dannzumal parallel zum Grünzeug im Garten und der Geschmackssinn kam zurück mit dem Konsum von gegrillten, selber gezogenen Paprikaschoten.

Die hässlichen Seiten der Krebserkrankung werden in der biografischen Erzählung nicht ausgeblendet. Es ist die Rede von der Schwierigkeit auszuhalten, wie die unaufhaltsam fortschreitende Krankheit den einst stolzen, schönen, kräftigen Mann – der immer für seine Überzeugungen eingestanden ist – den Körper gnadenlos auszehrt. Nicht immer fällt das Akzeptieren der Ausweglosigkeit (relativ) einfach und es wird mit Gott über das Sterben zur Unzeit gehadert. Ein paar Wochen Lebenszeit mehr und die zuletzt gepflanzten Frühlingsblüher hätten das Gärtnerherz nochmals erfreut. Oder wenigstens die ersten Schneeglöckchenblüten erleben, wenn es auch nicht gleich die an anderer Stelle im Buch erwähnten einhundertneununddreissig Schneeglöckchen gewesen wären.

Dazwischen liest man immer wieder über die enge Vater-Sohn-Beziehung und den begabten Geschichtenerzähler, der es verstand, mit seinen pointierten Erzählungen, seine Mitmenschen zu fesseln. In einer Anekdote wird die Peinlichkeit geschildert, die der Vater empfunden hat, als er in einem Krankenhaus erkannt worden ist, weil eine Nachbarin aus einem gegenüberliegenden Block Sonntag für Sonntag bewundert, wie er schön ordentlich die Wäsche aufhängt und sortiert.

«Der Gärtner und der Tod» von Georgi Gospodinov ist ein blühender Erinnerungsgarten zwischen zwei Buchdeckeln, in dem Melancholie und Heiterkeit abwechseln mit «grossen» Fragen. «Was geschah eigentlich mit dem Garten Eden, nachdem er verlassen wurde?» (Zitat aus dem Buch). Und wie das Gartenjahr endet die Lektüre nicht mit dem Tod. Es gibt die erste Reise, nachdem der Vater Garten geworden ist, die erste Reise, bei der der Vater nicht vor der Abfahrt anruft und zu vorsichtigem Fahren mahnt, ein erstes Weihnachtsfest ohne Vater, ein erstes Neujahr ohne Vaters Glückwünschen um fünf nach zwölf Uhr und die erste Blüte von Vaters dunkelblauen Lieblingstulpen.

Ich lese ja in der Regel mehrere Bücher gleichzeitig und lade oft E-Books von meiner Wunschliste herunter, wenn sie gerade preisreduziert sind. Als ich dieses Buch im September 2025 gekauft und zu lesen angefangen habe, hatte ich noch keine Ahnung, wie aktuell sich der Inhalt plötzlich mit meinem eigenen Leben verknüpfen würde. Tatsächlich haben dieses Parallelen mit verschobener Perspektive die Lektüre über den ewigen Kreislauf des Lebens noch intensiver gemacht.

 

Georgi Gospodinov:
Der Gärtner und der Tod
Aufbau Verlag, 2025
 

Alle in diesem Beitrag erwähnten Bücher habe ich selber gekauft. Ich bin niemandem gegenüber in irgendeiner Weise verpflichtet und generiere keine Einnahmen aus den im Sofagarten vorgestellten Büchern.

 

 

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