In einem sanierten älteren Wohnhaus in der fiktiven Stadt Seijn hat die Südkoreanerin Yu-hee einen faszinierenden Pflanzenladen eingerichtet, mit dem sie den Sprung in die Selbständigkeit gewagt hat. Zimmerpflanzen in allen erdenklichen Sorten und von klein bis gross teilen sich die Räumlichkeiten des ganzen Gebäudes. Dieses liegt in einer ruhigen Gegend am Rande eines Viertels, in dem es weder Restaurants noch Cafés gibt und kaum jemand verirrt sich zufällig in diesen Stadtteil. Immer mehr Kunden finden trotzdem den Weg in den Shop, weil er sich durch Blogger und Influencer vom Geheimtipp zu einem Publikumsmagneten gemausert hat.
Yu-hee hat in der Vergangenheit unter dem Verhalten und Manipulationen von vorwiegend männlichen Mitmenschen gelitten und pflegt als Langzeitfolge von falschen Gerüchten und Mobbing nur wenige soziale Kontakte. Sie glaubt zwar daran, dass Menschen ähnlich wie Pflanzen nach Verletzungen heilen können, wenn pfleglich mit ihnen umgegangen ist. Nichtsdestotrotz fühlt sie sich unter Pflanzen wohler als unter Leuten.
Mit Leidenschaft kümmert sich die junge Frau um die unterschiedlichen Bedürfnisse ihrer grünen Schätze. Temperaturen, Luftfeuchtigkeit, Lichtverhältnisse, Bodenbeschaffenheit und Düngergaben müssen stimmen, laufend kontrolliert und gegebenenfalls angepasst werden. Soll die Klimaeinlage ein- oder ausgeschaltet werden, ist zusätzliche Schattierung notwendig? Diese Entscheide gehören zu ihrem Alltag wie das Umtopfen und das Reinigen von Pflanzentöpfen. Von grösster Wichtigkeit ist aber die Unversehrtheit der Wurzeln. Solange die unterirdische Pflanzenbasis intakt ist, kann so mancher Kümmerling noch gerettet werden, wenn die Ursache der Probleme beseitigt wird.
Natürlich kämpft auch Yu-hee immer wieder gegen tierische Schädlinge. Kurz nach der Eröffnung haben wegen einer schlechten Erde Trauermücken, Woll- und Blattläuse Einzug in ihrem Shop gehalten. Nur durch unermüdliche Gegenmassnahmen konnte sie den Befall eindämmen und grössere Schäden vermeiden. Mit Hilfe von Überwachungskameras kann die Plant Lady auch von ihrem Daheim aus am Handy beobachten, was im Laden läuft. Sie schätzt Kontrolle und Sauberkeit im Shop und im Leben.
Neben animalischen Schädlingen, gibt es auch solche auf zwei Beinen. Diese können nicht so einfach wie die tierischen Quälgeister mit Bekämpfungsmitteln besprayt oder zwischen den Fingern zerquetscht werden. Yu-hees abgeschiedene grüne Zimmerpflanzenoase entwickelt sich zu einem Zufluchtsort, an dem sich misshandelte Frauen wohl fühlen und sie selber schlüpft in die Rolle einer leisen, konsequenten stellvertretenden Rächerin. Die Verursacher von Übel werden mal mit einem ungereinigten glitschigen Boden ausser Gefecht gesetzt oder giftige Früchte werden als unwiderstehliche Verlockung verwendet. Schliesslich ergibt sich für Yu-hee auch die lang ersehnte Gelegenheit, sich ihren eigenen Dämonen, eigentlich dem eigenen Dämon, zu stellen.
In südkoreanischen Grossstädten verschwinden zwar immer wieder Menschen oder sie werden ermordet, ohne dass Täter gefasst werden können. Trotzdem vermutet ein Kommissar, dass die Anhäufung mysteriöser Todesfälle eine Verbindung zur Plant Lady haben. Kann es tatsächlich Zufall sein, dass die Opfer von verschiedenen ungelösten Taten zuletzt im Mobilfunknetz nahe des Plantshops eingewählt waren?
In Kapiteln mit Titeln wie etwa «Die Avocado», «Der Zerberusbaum», «Die Agave» oder «Der Lerchensporn» sorgt die geduldige Strategin Yu-hee ohne Spuren zu hinterlassen für die Verhinderung von Femiziden. Die Autorin Minyoung Kang erzählt im Buch «Plant Lady» sarkastisch und sehr distanziert von Selbstjustiz aus Frauensolidarität. Die bitterbösen Taten werden oft nur in Andeutungen abgehandelt. Etliches muss sich die Leserin zusammenreimen, da konkrete Informationen fehlen. Die Entsorgung der Leichen etwa wird lange nicht thematisiert. Ich hatte rasch so meine Vermutungen in Richtung des «ewigen Kreislaufs alles irdischen Lebens», die sich dann auch bestätigt haben. Die ungewöhnliche Lektüre verlangte von mir etwas mehr Konzentration beim Lesen als üblich, weil ich mir asiatische Namen schlecht merken kann.
Minyoung Kang:
Plant Lady
Heyne Verlag, 2026
Alle in diesem Beitrag erwähnten Bücher habe ich selber gekauft. Ich bin niemandem gegenüber in irgendeiner Weise verpflichtet und generiere keine Einnahmen aus den im Sofagarten vorgestellten Büchern.