Christel Netuschil: Im Schatten der Rosen

Der im Buchtitel erwähnte Schatten der Rosen steht symbolisch für lange andauernde Dunkelheit als Folge von (aus Sicht in Friedenszeiten?) moralisch nicht einwandfreien Entscheidungen während einem düsteren Kapitel der europäischen Geschichte. Entscheidungen, die unter Druck gefällt worden sind, gefällt worden sind. Nachfolgende Generationen tragen die Schatten weiter, weil unter keinen Umständen offen über das Thema gesprochen werden darf. Das Dunkle darf nicht ans Licht, wird bewusst verschwiegen und die Schatten werden vermeintlich kleiner. Ignorierend, dass Ungesagtes seine Wurzeln den Gesetzen der Natur gehorchend weiter ausstreckt und irgendwann unerbittlich ans Licht drängt.

Die Ich-Erzählerin Isabelle Dubois hat eben ihr Medizinstudium abgeschlossen und ist dabei, in die Fussstapfen von Grossvater und Vater zu treten. Vor dem in Kürze anstehenden Umzug und einem geplanten Kurzurlaub besucht sie ihre Eltern. Isabelle kann sich jederzeit auf ihre Familie verlassen und die drei pflegen einen offenen Umgang.

Beim Stöbern nach einem alten Fotoalbum stösst Isabelle zufällig in einer Zigarrenkiste auf ein ihr unbekanntes abgegriffenes, vergilbtes Foto, auf dem mehrere Personen vor einem Gebäude stehend abgebildet sind. Isabelles Eltern reagieren sehr seltsam auf ihre neugierige Nachfrage, wann und wo dieses Bild aufgenommen und wer fotografiert worden ist. Sie behaupten sogar, das Foto nicht zu kennen, obwohl ihre Reaktion eindeutig das Gegenteil belegt.

Isabelle ist befremdet und ihre Irritation wird noch grösser, als die langjährige Haushälterin Madame Lefèvre mit einer vertraulichen Bitte an sie herantritt, als die junge Frau gerade das Elternhaus verlassen will. Die treue Angestellte bittet Isabelle aus persönlichen Gründen eindringlich herauszufinden, was es genau mit dem Foto auf sich hat, welches Isabelles Grossvater gehört hat. Sie weist Isabelle aber gleichzeitig darauf hin, dass die Familie Dubois aufgrund der Ergebnisse solcher Recherchen in Ungnade fallen könnte. Madame Lefèvre ist aber selber überzeugt, dass Aufrichtigkeit immer Vorrang haben muss und schliesslich auch belohnt wird.

Unabhängig davon, ob überhaupt und welche Ereignisse nur flüsternd von einer Generation an die andere weitergegeben worden sind, ist Isabelles Neugierde nun endgültig geweckt. Statt den angedachten Wellnessurlaub anzutreten, fährt Isabelle ohne ihre Eltern zu informieren in die Normandie und bezieht im Hotel Chateau La Rose, einer früheren Heilanstalt für Lungenkranke, ein Zimmer. In Saint-Céron ist nämlich vor über achtzig Jahren das verblichene Foto entstanden.

Das Schloss ist von geometrisch angelegten Gärten umgeben, in denen die letzten Rosen blühen und üppige Dahlienblüten in Gelb und Violett die Blicke auf sich ziehen. Dunkelgrüne Hecken schaffen Strukturen und Ziergräser wiegen im Wind. Das Element Wasser ist mit einem kleinen See vertreten und hinter verwitterten Mauern geht der Garten in einen dichten Wald über. Wiederholt streift Isabelle durchs Gelände und sucht etwas, weiss aber nicht so recht was.

Einen zweiten Blick konnte sie nicht auf das Foto werfen, weil es der Vater sofort wieder versteckt hat. Nur mit dem undeutlichen Bild im Kopf forscht sie tagelang erfolglos nach dem vor Jahrzehnten abgelichteten Gebäude und anderen Spuren oder Informationen. Dafür lernt sie den jungen Gärtner Etienne kennen, der für die Aussenanlage von Chateau La Rose zuständig ist. Die beiden freunden sich an und Isabelle hilft ihm etwa beim Schmücken von Pflanzen in Kübeln, während er ihre vielen Fragen zum Schloss und seiner Vergangenheit beantwortet.

Schliesslich vertraut sie Etienne den wahren Grund ihres Aufenthalts in Saint-Céron an und er sichert ihr seine Unterstützung zu. Gemeinsam finden die beiden schliesslich das gesuchte Gebäude auf dem Foto und ein hinter einem Gemälde seit Jahrzehnten verstecktes Notizbuch aus den letzten Kriegsjahren. Und während die Sympathie zwischen den beiden jungen Leuten stetig wächst, stellt sich heraus, dass sich die Wege von Isabelles und Etiennes Familien bereits 1944 schicksalhaft gekreuzt haben.

Ein zweiter Erzählstrang führt die Leserin in die Vergangenheit. Das Notizbuch der jungen Krankenschwester Bernadette offenbart die Schwierigkeiten, in Kriegszeiten eigenen und/oder allgemeinen moralischen Anforderungen gerecht zu werden. Was, wenn Liebe aufkeimt, ohne auf die Zugehörigkeit der Kriegspartei zu achten? Welches Leben ist mehr wert? Die eigene Zukunft oder jenes von anvertrauten Zöglingen, wenn doch so einfach eine kreative Kombination beide Interessen verbinden lässt?

Rund um ein Familiengeheimnis aus der Zeit des zweiten Weltkriegs hat Christel Netuschil einen spannenden und einfühlsamen Roman verfasst. Besonders im Erzählstrang der Gegenwart finden sich etliche hortikulturelle Elemente, beginnend im grosszügigen Garten der elterlichen Villa, wo alte Obstbäume und Rhododendron sowie etliche verschiedene hohe Gräser in diversen Nuancen von Grün die Aufmerksamkeit der Blicke auf sich ziehen und auf Chateau La Rose teilweise einhergehend mit der zunehmenden Wichtigkeit von Etienne, dem Gärtner. Die Ich-Erzählerin Isabelle darf etwa den herbstlichen Gemüsegarten von Chateau La Rose erkunden, in dem noch Kohl, Karotten, Mangold, Lauch, Kürbisse auf die Ernte warten und die letzten Kapuzinerkressen leuchten blühen. Und im Nachwort blühen unzählige lila Krokusse um die Wette.

 

Christel Netuschil:
Im Schatten der Rosen
dp Verlag, 2025

 

Alle in diesem Beitrag erwähnten Bücher habe ich selber gekauft. Ich bin niemandem gegenüber in irgendeiner Weise verpflichtet und generiere keine Einnahmen aus den im Sofagarten vorgestellten Büchern.

 

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