Die Enddreissigerin Sophie steht kurz vor dem nächsten Schritt auf der Karriereleiter. Ihren ganzen Ehrgeiz steckt sie in den Beruf. Soziale Kontakte pflegt sie wenige. Die Eltern sind früh verstorben und einzig mit ihrem ein paar Jahre älteren Bruder tauscht sich die Botanikerin regelmässig privat aus. Die ausgewiesene Fachfrau für Heilpflanzen mit Doktortitel schätzt gewohnte Strukturen und die damit verbundenen Sicherheiten, auch wenn diese zuweilen durchaus mit Einschränkungen verbunden sind. Doch kurz vor dem schon sicher erreicht geglaubten Ziel wird sie an der Uni ausgebremst. Statt wie erwartet den vollen Hörsaal und das Dozieren über Pflanzen vor Studentinnen und Studenten mit einer Amazonasexpedition zu tauschen, findet sie sich auf dem Arbeitsamt wieder und muss ernüchtert feststellen, dass auf ihre beruflichen Qualifikationen scheinbar niemand wartet.
Schliesslich wird Sophie auf eine offene Stelle aufmerksam gemacht, an der sie ihr umfangreiches Wissen über Kräuteranbau und -verwendung in Küche und Medizin anwenden kann. Im Aussenbereich eines ehemaligen Klosters, das heutzutage ein gehobenen Wellnesshotel beherbergt, soll ein Heilpflanzengarten angelegt werden. Sophie und die Hotelinhaber einigen sich über die vertraglichen Konditionen und die alleinstehende Frau zieht vorübergehend in ein Hotelzimmer, wo sie sofort mit dem Erstellen von Plänen und Einkaufslisten für den neuen Garten beginnt.
Der frühere klösterliche Kräutergarten musste im 19. Jahrhundert einer Obstwiese weichen. Während der Erdabtragung mit schwerem Gerät wird eine Art unterirdischer Tempel entdeckt, in dem eine Venusstatue steht. Wer hat wann und warum diese Stätte zugeschüttet? Diese Fragen sollen geklärt werden. Der Beizug von Archäologen bringt nicht nur den Zeitplan der Restaurierung durcheinander. Auch die geplante Symmetrie im Kräutergarten, inspiriert vom St. Galler Klosterplan wird durch den Eingang empfindlich gestört.
Und natürlich kommen in diesem Roman, in dem Rosen und Kräuter nicht nur eine Nebenrolle einnehmen, auch Fehleinschätzungen in Sachen Liebe nicht zu kurz. Denn während Sophie fachlich sehr qualifiziert ist, fehlt es ihr zuweilen an Sozialkompetenzen, was sich zuletzt als ziemlich gefährliches Manko entpuppt. An die Stelle ihres bisher eher langweiligen und vorhersehbaren Lebens sind Herausforderungen getreten, welche der Enddreissigerin einiges an Flexibilität abfordern.
Von Susanne Wahl habe ich bereits früher Romane gelesen, die wegen ihrem hortikulturellen Hintergrund ausgezeichnet in den Sofagarten passen («Rosenduft und Koriander» aus dem Jahr 2005 und «Kirschblüten im Wind», erschienen 2009). «Der Zauber des vergessenen Gartens» ist 2006 bereits unter dem Namen «Das Lächeln der Venus» veröffentlicht worden. Während der Lektüre von «Der Zauber des vergessenen Gartens» habe ich mich tatsächlich zu keinem Zeitpunkt daran erinnert, dass ich das Buch anscheinend schon einmal gelesen habe. Aber im Lauf von mehr als fünfzehn Jahren kann frau schon das eine oder andere vergessen. Schliesslich wusste ich im letzten Frühling auch nicht mehr, wo ich im Herbst zuvor Blumenzwiebeln vergraben hatte und wurderte mich darüber, dass schliesslich die Reifrocknarzissen (Narcissus bulbocodium) an einem ganz anderen Ort als erwartet erschienen sind.
Susanne Wahl:
Der Zauber des vergessenen Gartens
Dotbooks Verlag, 2024
Alle in diesem Beitrag erwähnten Bücher habe ich selber gekauft. Ich bin niemandem gegenüber in irgendeiner Weise verpflichtet und generiere keine Einnahmen aus den im Sofagarten vorgestellten Büchern.