Jill Johnson: Nachtschattengewächse

In London gibt es etliche spektakuläre Roof Top Gardens, die öffentlich zugänglich sind. Einen ganz besonderen (fiktiven) Dachgarten hegt und pflegt die vierundvierzigjährige Eustacia Amelia Rose, Professorin der Botanik, mit Spezialgebiet Pflanzentoxikologie im Buch «Nachtschattengewächse» von Jill Johnson. Eustacias in zwei Jahrzehnten zusammengetragene Sammlung enthält ausnahmslos giftige Pflanzen.

Der private Dachgarten ist einzig durch eine Dachluke in Eustacias Wohnung zugänglich, nachdem man eine in der Küche stehende Leiter hinaufgeklettert ist. Und zwar in einem Schutzanzug. Die zumeist seltenen und ungewöhnlichen Gewächse stammen aus den unterschiedlichsten weltlichen Gefilden. Die einen klettern, andere bedecken den Boden und oft ist die Beschaffung ähnlich spektakulär wie eine Geheimdienstmission.

Eustacia Emilia Rose ist keine Sympathieträgerin. Die Frau wirkt verschroben und unterstreicht diesen Eindruck mit einer ungepflegten Erscheinung. Ihr altmodischer Haarschnitt in Kombination mit den schäbigen Anzügen ihres verstorbenen Vaters wirken auf Aussenstehende befremdend und lassen sie deutlich älter erscheinen, als sie tatsächlich ist. Die Professorin führt ein ausgesprochen zurückgezogenes Leben. Pflanzen sind ihr seit jeher wichtiger als soziale Kontakte.

Neben Grünzeug steht auf der Terrasse auch ein Fernrohr. Mit ihrem Profi-Teleskop schaut Eustacia aber weniger ins Weltall als in die Wohnungen der Nachbarn. Sie und ihr Gerät sind gut getarnt, so dass niemand ihr Stalking beobachten kann. Ihre sogenannten Gesellschaftsstudien hält sie in Notizbüchern fest. Weil Eustacia sich keine Gesichter und Namen einprägen kann, gibt sie Menschen passende Pflanzennamen. So bekommt die junge attraktive Frau mit häufigem Männerbesuch von nebenan, den Namen «Psycho».

Psycho fasziniert die sie ausspionierende Mitvierzigerin ungemein. Eines Tages wird Eustacia Zeugin der Entführung von Psycho. Dieses Erlebnis veranlasst sie, ihre Wohnung zu verlassen. Weil sich die Polizei nicht für das Verschwinden der jungen Nachbarin interessiert, beginnt die Botanikerin nämlich, selber Nachforschungen anzustellen. Dabei stösst sie auf ein Netz von schwer zu durchschauenden Verwicklungen, die sie in ihre persönliche Vergangenheit katapultieren.

Durch Eustacias Recherchen zu Psychos Kidnapping geraten ihre eigenen Probleme wie die Trauer um ihren verstorbenen Vater und eine vor zwanzig Jahren verlorene Liebe in den Hintergrund. Gleichzeitig wird Eustacis unvorsichtig und verletzt ihre Hand so schwer an einer Giftpflanze, dass sie eine Amputation befürchten muss. Schliesslich wird auch noch ihr Dachgarten komplett zerstört. Ihre während zwei Jahrzehnten aufgebaute Sammlung ist vernichtet. Und mindestens so schlimm die Frage und Ungewissheit – wer hat zu welchem Zweck ihre Giftpflanzen entwendet?

Dann gibt es da noch ein Ereignis, das etwa ein Jahr zurückliegt und die Professorin ihren Ruf und ihre Stelle gekostet hat. Die Leserin bleibt lange im Unklaren, was genau vorgefallen ist. Doch die Eustacia dannzumal angelasteten Verunreinigungen in ihrem Labor an der Universität werden wieder hervorgegraben. Nicht zuletzt weil ihre Unschuld nicht bewiesen werden konnte und sie nach kurzer Zeit schon wieder im Fokus von Ermittlungen steht.

Während die vielen Fäden in der Geschichte langsam entwirrt werden, macht die Ich-Erzählerin Eustacia eine grosse persönliche Entwicklung durch. Sie begreift, dass Menschen nicht lediglich als Untersuchungsobjekte für gesellschaftliche Analysen betrachtet werden dürfen. Äusserst schmerzlich ist die Erkenntnis, dass sie Liebe mit Freundschaft verwechselt hat und jahrelang einem falschen Traumbild nachgetrauert hat. Gleichzeitig fällt es der Leserin auch einfacher, Eustacias Handlungen nachzuvollziehen und eine Spur von Mitgefühl zu empfinden.

Man lernt lesend viel über die fünf existierenden Giftgruppen Muskelgifte, neuromuskuläre Gifte, Nervengifte, Blutgifte und Gifte, die Hautreizungen verursachen sowie die unterschiedlichen Bedürfnisse der Giftpflanzen an Licht oder Schatten. Jede Pflanze dient einem Zweck, auch soganntes Unkraut. Es gibt immer Gründe, warum eine Pflanze im ökologischen System giftig ist und eine andere nicht.

Im Leben der Sofagärtnerin spielen wie im Buch Stickereien eine Rolle. Hinter Farbmustern und Farbcodes verbergen sich nicht zwingend Bildmotive habe ich nun gelernt. Das angelesene Wissen zu toxischen Gewächsen lässt sich in einem Pflanzenglossar noch vertiefen.

 

 

Jill Johnson:
Nachtschattengewächse
Atrium Verlag, 2025

 

Alle in diesem Beitrag erwähnten Bücher habe ich selber gekauft. Ich bin niemandem gegenüber in irgendeiner Weise verpflichtet und generiere keine Einnahmen aus den im Sofagarten vorgestellten Büchern.

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