Pflanzenrettungen – Püntenaufhebungen

In der hiesigen Stadt fallen immer mal wieder Pünten (so werden in Winterthur Schrebergärten genannt) irgendwelchen Neubauprojekten zum Opfer. Ich erinnere mich noch recht gut daran, wie wir als Kinder in geräumten Gartenparzellen herumgezogen sind, wo inzwischen seit vielen Jahren das Swiss Science Center Technorama steht. Für mich habe ich damals die Hauswurze und Buntnesseln entdeckt und mir für mehr als zwanzig Lenze das Geniessen von Rhabarber verdorben. Wir hatten nämlich das Zeug in grösseren Mengen roh gegessen.

In einem der letzten Winter habe ich in der Nähe des Winterthurer Hauptbahnhofes ein verlassenes Gartengelände durchstöbert und einige Arums und Heucheras mitgenommen. Sinnigerweise steht auf dem Areal nun eine Erweiterung der Bezirksanlagen samt Gefängnis. Noch immer bedaure ich ein wenig, dass ich keine Verwendung hatte, für ganz spezielle Dachziegel auf einem der Gartenhäuschen und hoffe, diese sind einem neuen Zweck zugeführt und nicht entsorgt worden.

Es ist ja nicht immer ganz einfach herauszufinden, an wen man sich wenden soll, um sich zu erkundigen, ob man bei irgendwelchen Gartenaufhebungen was kaufen oder oft auch umsonst mitnehmen darf. Vis-à-vis von meinem Arbeitsplatz wurde vor bald fünfzehn Jahren ein in die Jahre gekommener Alt- durch einen modernen Neubau ersetzt. Ewig lange hatte ich überlegt, ob ich rostige Zäune benötige oder benötigen könnte. Buchstäblich im letzten Moment – die Abbrucharbeiten waren schon in vollem Gange – habe ich mich telefonisch um ein Einverständnis bemüht. Das anvisierte kleine Teil war entgegen meinen Erwartungen sehr schwer. Die mit dem Rückbau beauftragten Arbeiter kamen zufälligerweise aus einer Firma in der Nähe meines Gartens und einer wollte mir das Element auf seinem Heimweg vorbeibringen. Er hat es dann nicht bei einem Teil bleiben lassen, sondern gleich deren drei geliefert, ein grosses und zwei kleine. Diese spendable Aktion hat mich zunächst etwas überrumpelt und auch für einiges Kopfzerbrechen gesorgt. Inzwischen sind die drei Teile seit Jahren einbetoniert und je nach Jahreszeit verschwinden sie fast im grünen Dschungel oder sorgen für Struktur. Viel Freude für ein grosszügiges Trinkgeld!

Von einer Grossbaustelle, wo seit einiger Zeit die Gleisquerung Grüze gebaut wird, habe ich zuletzt verschiedene Stauden und Blumenzwiebelgewächse in meinen Garten umgesiedelt. Meine bessere Hälfte redet von Pflanzendiebstahl, mir ist der Begriff Pflanzenrettung sympathischer. Auf meiner Sonntagswalkingrunde hatte ich irgendwann festgestellt, dass hier ein grösseres Püntenareal geräumt worden ist und habe mich ein erstes Mal umgesehen. Bis auf ein einziges Gartenhaus waren bereits alle festen Bauten abgerissen worden. Püntiker, welche gerade ihre eigenen Pflanzen für den Umzug vorbereiteten, legitimierten meine Bemühungen, bedürftigen Pflanzen in meinem Garten Asyl zu gewähren. Das lässt sich die Autorin natürlich nicht zweimal sagen und blendet aus, wie schwer Säcke voll Stauden und Zwiebelblumen samt Wurzeln mit mehr oder weniger Erde dran sind, insbesondere, wenn die nächste Bushaltestelle rund einen Kilometer entfernt ist.

Im Verlauf von mehreren Jahreszeiten stöberte ich mit unterschiedlicher Begleitung drei-, viermal auf den verlassenen Gartenparzellen herum. Ich hatte mir angewöhnt, auf dem Heimweg von der Arbeit statt auf den E-Reader aus dem Zugfenster zu schauen, um herauszufinden, ob sich ein weiterer Besuch allenfalls lohnen könnte. Bei meinen Abstechern mit Schäufelchen und Tüten habe ich einiges an Grünzeug ausgebuddelt und öfter wäre eine grosse Schaufel mehr als nützlich gewesen. Eine neue Heimat haben bei mir zahlreiche Schneeglöckchen (zumeist Galanthus nivalis und einzelne «»Flore Pleno») und Narzissen gefunden sowie Enzian, Feuerlilien und Jungfer im Grünen und anderes mehr.

Inzwischen ist die ganze ehemalige Schrebergartenfläche längst asphaltiert und mein latent schlechtes Gewissen ist der Freude über die neuen Blütenmengen an Schneeglöckchen und weissen Narzissen Anfang Jahr gewichen. Und ich hoffe noch darauf, mich auch über Blütenkerzen von Feuerlilien freuen zu können. Die erbeuteten Exemplare produzieren bis anhin in meinem Garten leider nur grüne Blätter.

 

(Dieser Artikel ist in der Ausgabe Herbst 2025 des Vivace, der Mitgliederpublikation der Gesellschaft Schweizer Staudenfreunde GSS, erschienen)

 

PS: Nach Abgabe des Artikels haben in diesem Sommer tatsächlich zum ersten Mal Fackellilien in meinem Garten geblüht. Hoffentlich nicht zum letzen Mal!

 

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