Sechshundertfünfzig Seiten umfasst der Roman «Der dunkle Garten» von Tana French. Mein Leseerlebnis war durchzogen. Erst hatte ich recht lang, bis ich mit der Erzählung richtig warm wurde und musste zwei, drei Pausen einlegen. Ich gab dem Buch eine weitere Chance und wollte oder musste irgendwann erfahren, wie alle Rätsel miteinander verknüpft sind. Nach rund fünfhundert gelesenen Seiten kam ich nicht umhin, mich zu wundern, was denn nun noch auf den letzten hundertfünfzig Seiten noch passieren soll. Nun ja, es geschieht so einiges. Und ich weiss tatsächlich nicht recht, was ich davon halten soll. Der Nachwuchs-Sofagärtnerin, die das Buch fast gleichzeitig gelesen hat, ging oder geht es übrigens ähnlich. Eine Lektüre, die mich mit zwiespältigen Eindrücken zurückgelassen hat. Zum Inhalt:
Der Ich-Erzähler Toby Hennessy wurde kürzlich in seiner Wohnung brutal überfallen und schwer verletzt. Bis zu der Attacke lief in seinem Leben alles wie am Schnürchen, sowohl privat in der Beziehung mit seiner Freundin Melissa und in der Galerie, in welcher er erfolgreich für die PR-Abteilung arbeitete. Wegen seiner schweren Kopfverletzungen leidet er nun an Gedächtnisverlust und ist in verschiedenen körperlichen Funktionen eingeschränkt. Auf Bitten der Verwandtschaft zieht er zusammen mit Melissa zu seinem alleinstehenden Onkel Hugo, der an Krebs erkrankt ist, und nicht mehr allein im Ivy House leben kann.
Die Familie des Ich-Erzählers, neben seinen Eltern mehrere Onkels, Tanten sowie Cousin und Cousine samt Nachwuchs verbringt seit vielen Jahren jeden Sonntag im Ivy House. Eine wichtige Rolle bei all diesen Treffen hat der Garten, sei es als Kulisse für fröhliche Essen, lange Abende mit spannenden Gesprächen oder Spielraum für die Jüngsten. In Anbetracht der städtischen Lage handelt es sich um einen grossen Garten. Rund dreissig Meter lang ist er und entlang der seitlichen Mauer wachsen Eichen, Weissbirken und Bergulmen in die Höhe.
Am hinteren Ende des Gartens führt eine schmale Gasse der Mauer entlang. Angelegt wurde er von Tobys verstorbener Grossmutter, einer leidenschaftlichen Gärtnerin, für die Harmonie in der Gartengestaltung prioritär war. Onkel Hugo, der nun seit Jahren allein im Ivy House lebt, mag lieber ungezähmte, verwilderte Gärten. Wegen dieser Vorliebe in Kombination mit seiner Trägheit in Sachen Jäten und Rückschnitt wirkt die Anlage inzwischen verwildert. Efeu und Jasmin ranken ungezähmt an der Fassade entlang und auch die Bäume wurden schon länger nicht mehr fachmännisch zurückgeschnitten.
In der grossen hohlen Bergulme findet eines Tages der kleine Sohn von Toby Cousine menschliche Knochen. Der Garten ist plötzlich ein Tatort und wird von der Polizei systematisch umgegraben. Im Rahmen der Ermittlungen wird sogar der riesige Baum gerodet. Sowohl die Akustik als auch die Dynamik im Garten werden dadurch komplett verändert. Um Vordergründig wieder Ordnung herzustellen, bringt die Verwandtschaft Ersatzpflanzen, welche die Lücken im Garten zum Verschwinden bringen sollen. So soll eine schnell wachsende Roteiche den Verlust des alten Edellaubgehölzes wettmachen.
Die Polizei findet schnell heraus, wessen sterblichen Überreste in der hohlen Bergulme steckten. Schwieriger auszumachen ist die Todesursache. Im Laufe der Ermittlungen wird immer deutlicher, dass Toby, der mit Cousin und Cousine eine fast geschwisterliche Beziehung hatte, völlig unterschiedliche Erinnerungen an die Kindheit hat als die beiden anderen. Toby gerät unter Tatverdacht und wegen seiner Erinnerungslücken, weiss er nicht, ob er tatsächlich verantwortlich ist oder ob die Indizien fälschlicherweise in seine Richtung führen.
Die pflanzlichen Lückenfüller wachsen nicht richtig an und immer mehr Unkraut breitet sich aus. Doch mit der Entdeckung des Skeletts im Garten des Efeuhauses drängen auch vermeintlich gut vergrabene Geheimnisse ans Licht, die sich nicht mehr von Löwenzahn und wildem Mohn verbergen lassen.
Tana French:
Der dunkle Garten
Fischer Verlag, 2019
Alle in diesem Beitrag erwähnten Bücher habe ich selber gekauft. Ich bin niemandem gegenüber in irgendeiner Weise verpflichtet und generiere keine Einnahmen aus den im Sofagarten vorgestellten Büchern.