Regula Venske: Die Schneckenkönigin  

Die Beziehung zwischen Gärtnern und Nacktschnecken ist häufig im besten Fall als schwierig zu bezeichnen. Die Schleimer wirken nicht gerade putzig und wecken tatsächlich in vielen ansonsten besonnenen Gartenmenschen Mordgelüste. Häufig werden die Gedanken in Taten umgesetzt und ein scharfkantiges Schnittwerkzeug kommt zum Einsatz, um die Pflanzen- und Blütenpracht vor den tierischen Fressattacken zu bewahren oder solche zu rächen.

Für die achtundvierzigjährige Romy Schulze ist ihr Garten der perfekte Rückzugsort. Oder besser wäre der perfekte Rückzugsort. Denn zwei Kämpfe sind im Grün rund ums Haus nicht zu gewinnen, nämlich derjenige gegen Unkraut und jener gegen Nacktschnecken. Romy hat natürlich schon sämtliche üblichen Hausmittel wie Koffein, Kupferdraht und Schneckenkragen und auch Schneckenkorn gegen die gefrässigen Schleimer ausprobiert und für nutzlos befunden. Einzig das Entzweien der Wirbellosen mit einer scharfen Schere hat sie als tauglich qualifiziert, obwohl sie der erste tägliche Schnitt durch die länglichen rotbraunen Körper grosse Überwindung kostet.

Romys siebenundzwanzigjährige Tochter Ronja liebt das zwittrige und uneitle an Schnecken und bekundet grosse Mühe mit dem rabiaten Umgang ihrer Mutter mit den schleimigen Spuren hinterlassenden Kriechern. Ronja schenkt ihrer Mutter deshalb zum Geburtstag einen Tigerschnegel. Mutter und Tochter haben wenig Gemeinsamkeiten, auch ihre inneren Konflikte sind äusserst gegensätzlich. Der älteren Frau fehlt es sowohl an Verständnis als auch an Humor, und zwar nicht nur dieses ganz besondere Präsent betreffend. So nützlich der Tigerschnegel im Vertilgen von Nacktschnecken sein mag, Romy ekelt sich auch vor dieser Version der Nacktschnecken und ihr wird übel, wenn sie an Schleimfäden und Schleimspuren denkt.

Mehr nackige Schleimer will und braucht Romy nun wirklich nicht in ihrem gepflegten Garten. Auch dann nicht, wenn die eigene Tochter den Weg von Pontius zu Pilatus bzw. von den Berliner Prinzessionengärten bis zum Botanischen Garten auf sich genommen hat, um ihre lebende und nützliche Geburtstagsgabe zu beschaffen. Romys Beziehung zur eigenen Tochter ist ähnlich schwierig, wie jene zu den Schleimern in ihrem prächtigen Garten. Während Romy sich selber bemitleidet, weil Ronja sich überhaupt nicht so verhält, wie sie sich das wünschen würde, fühlt sich die Tochter seit vielen Jahren vernachlässigt. Ronja ist nämlich ihrerseits überzeugt, sie bekäme von der eigenen Mutter viel mehr Aufmerksamkeit, wenn sie ein Ginkgosämling oder eine Brombeerranke wäre. Der jungen Frau ist völlig klar, dass Buchs weniger geeignet wäre, denn auch in Form eines Buxus würde sie von ihrer Mutter regelmässig zurückgestutzt (eine meiner Lieblingsstellen im Buch!).

Nicht nur Ronja macht sich Gedanken über das schreckliche Ende von Schnecken im Garten Schulze. Ihr Stiefvater Geo Schöndorf sammelt regelmässig heimlich in von Romy unbeobachteten Augenblicken Nacktschnecken und entsorgt sie nebenan, damit sie den scharfen Klingen entgehen. Dass es in der Ehe zwischen Romy und Gero kriselt, liegt aber nicht daran, dass diese Schneckenrettungen aufgeflogen wären.

Romy ist Psychotherapeutin mit eigener Praxis und im Umgang mit ihren Patienten ähnlich unzimperlich wie mit den Nacktschnecken. Sie wendet an ihren Klienten bevorzugt eigenwillige Methoden an, zu denen zuweilen unverschämte Provokationen und Herausforderungen zählen. Häufig schweifen Romys Gedanken während den Sitzungen ab. Sie vergleicht Ihre Patienten gerne mit Pflanzen. Sie kann sie etwa nicht entscheiden, ob ein störrischer junger Mann eher ein morsches Apfelbäumchen ist oder doch ein Kaktus. Sich selber betrachtet sie als Rambler-Rose – eine edle und stolze überbordend blühende und duftende Augenweide. Es wird keine selber gärtnernde Leserin wundern, dass Romy als Ausgleich zum vielen Zuhören als Psychotherapeutin gerne mit ihren Pflanzen spricht.

Nicht nur Schnecken werden in dieser Erzählung mit Werkzeugen malträtiert. In verschiedenen grossen europäischen Hauptstädten werden grausam zugerichtete Männer aufgefunden, denen Körperteile fehlen, die per Post verschickt werden. Im Sofagarten liegt der Fokus auf dem hortikulturellen Hintergrund von Büchern. Der schneckenrelevate Lesestoff ist in dieser Buchvorstellung also merklich überbewertet. Auf diese Weise habe ich das genauere Erörtern der grausamen Morde vermieden und gleichzeitig den Schnecken eine ausgleichende Plattform gegeben. Als Gärtnerin hält sich meine Begeisterung für Nacktschnecken nämlich auch in engen Grenzen. Zum Inhalt aus der Verlagsempfehlung deshalb hier noch einige Stichworte: Bibelzitate, Schuld, Sühne, Wahrheit und Wahnsinn.

Es dauerte eine geraume Weile, bis ich angesichts der vielen im Buch vorkommenden Personen einigermassen verstand, wer welche Probleme hat und für welche Vergeltung verantwortlich ist. Auch die Identität der Opfer wird erst im Verlauf der Lektüre gelüftet. Es gibt ein umfangreiches Personenregister am Anfang des Buches. Ich muss aber gestehen, dass ich beim Lesen von Büchern auf E-Readern das ständige hin- und herwechseln zwischen Seiten als sehr mühsam empfinde und meistens darauf verzichte. Sogar das Lesen vom Buchende ganz zu Beginn der Lektüre, das bei mir in Papierbüchern die Regel ist, habe ich mir aus dem gleichen Grund abgewöhnt.

 

 

Regula Venske:
Die Schneckenkönigin – Wenn aber deine Hand dir Ärgernis schafft, so hau sie ab
Gmeiner Verlag, 2025

 

Alle in diesem Beitrag erwähnten Bücher habe ich selber gekauft. Ich bin niemandem gegenüber in irgendeiner Weise verpflichtet und generiere keine Einnahmen aus den im Sofagarten vorgestellten Büchern.

Posts created 141

Schreiben Sie einen Kommentar

Related Posts

Begin typing your search term above and press enter to search. Press ESC to cancel.

Back To Top