Der Name «Cupani» prangt auf der Nordseeinsel Borkum an einem Insulanerhäuschen mit etlichem Reparaturbedarf, welches sich die Anfangvierzigerin Marieke letzthin von ihrer Scheidungsabfindung gekauft hat. Den Zuschlag hat sie erhalten, weil sie als einzige Kaufinteressentin keinen Abriss und Neubau beabsichtigte. Pater Franciscus Cupani hat im 17. Jahrhundert die Duftwicke (Lathyrus odoratus) entdeckt und diese nach ihm benannten Kletterpflanze ist die Basis vieler Züchtungen. Die intensiv duftenden Cupani-Wicken sind zweifarbig. und erfreuen sich auch heutzutage noch grosser Beliebtheit. In ihrem neuesten Roman erzählt Sylvia Lott in zwei Erzählsträngen, wie diese nostaligischen Duftwickensorten, unter älteren Einheimischen auf Borkum noch als «Annis Wicken» bekannt, über den Umweg eines Wettbewerbs der englischen Zeitung Daily Mail den Weg auf die ostfriesische Insel gefunden haben.
Als junge Frau hat oben erwähnte Anni im Jahr 1911 eine Stelle als Vorleserin bei einer reichen Dame in England inne und genau während ihrem Aufenthalt auf der britischen Insel wird der Wickenwettstreit ausgelobt, der ein richtiges Wickenfieber auslöst. Auch Anni wird davon angesteckt und hofft, den schönsten selber gezogenen Wickenstrauss einreichen zu können. Bevorzugt mit ihren neuen englischen Freunden Meg und Jim tauscht sie Erfahrungen, Tipps und Misserfolge zu Licht, Temperatur- und Wasserbedarf und Schädlingsbekämpfung aus. Jims Geschäft für Gärtnerbedarf floriert dank dem Wickenboom sogar merklich besser. Rankhilfen, Gartenwerkzeug und nicht zuletzt die Wickensamenmischungen in den von der talentierten Malerin Meg gestalteten Tüten verkaufen sich ausgezeichnet.
Natürlich sät auch Anni selber Samen aus und hegt und pflegt die zarten Pflänzlein. Bevor diese kräftig werden und zur Blüte kommen, sind sie aber der Auslöser für einen heftigen Zwist mit ihrer besten Freundin Meg. Die beiden gehen sich fortan aus dem Weg. Abgelenkt wird Anni durch ihr neues Engagement im Organisationskomitee des Wettbewerbs. Die offene und neugierige junge Deutsche hat sich nämlich angewöhnt, in ihrer Umgebung herumzufragen, wer mit einem allfälligen Gewinn was anstellen soll und Ihre Idee wird von einem Journalisten der den Wettbewerb organisierenden Zeitung übernommen. Die Antworten sind übrigens so verschieden wie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Die eine will etwa einen Blumenladen eröffnen, der andere eine Kanzel für die Kirche finanzieren.
In der aktuellen Zeitebene beobachtet Marieke, wie ein unbekannter Mann sich offensichtlich stark für die am Gartenzaun um ihr Haus «Cupani» wachsenden Wicken interessiert. Als sie mit ihm das Gespräch sucht, erfährt sie von ihm, dass es sich bei den Kletterpflanzen um historische viktorianische Duftwicken handelt und er als Biologe für den Nationalpark Wattenmeer tätig ist und die Erforschung des aktuellen Bestandes seltener Wildpflanzen auf Borkum unterstützt. Eine neugierige ältere Nachbarin gesellt sich zu den beiden und weiss zu berichten, dass es früher nicht nur am Zaun, sondern auch an Spalieren am Haus Cupani in der heissen Jahreszeit geblüht und geduftet hat.
Diese Begegnung am Gartenzaun zwischen Marieke, Alwine und dem Biologen Tibo ist der Anfang von mehreren Treffen zu Dritt, bei welchen im Buch die Zeitebene in die Vergangenheit wechselt und die Leserin gleichzeitig mit Marieke und Tibo von Alwine Annis Geschichte erfährt. Die beiden Frauen Anni und Marieke verbinden nicht nur Duftwicken, sondern auch ein (wachsendes) Interesse, sich an politischen Prozessen zu beteiligen. Anni kämpfte mit um die Einführung des Frauenstimmrechts und Marieke beginnt sich für die Ökologie auf der Insel zu interessieren und nimmt an einer Demo gegen Gasbohrungen teil.
Lesende Gärtnerinnen erfahren im Roman nebenbei etliches über die alten Wickenvarietäten des Schotten Henry Eckford, zu deren herausstehenden Merkmalen die grossen Blüten und ein variantenreiches Farbspektrum zählen, während die Blüten von Spencer-Sorten auf Kälte und Wärme reagieren und bei sinkenden Temperaturen von zartrosa zu cremefarben changieren. Und wie es bereits der deutsche Name verrät, werden Duftwicken mit Düften assoziiert. Einige werden als «romantisch» empfunden, andere als «sauber».
Den Wickenwettbewerb hat es übrigens tatsächlich gegeben und die Autorin hat einige damit verbundene Überlieferungen in diesen grundsätzlich fiktiven Roman eingebettet. Rund 38’000 Teilnehmer aus allen Landesteilen haben Wickensträusslein in die Zeitungsredaktion geschickt. Viele Chancen wurden schon durch unzulängliche Verpackungen vertan. Das im Roman übernommenen merkwürdige Resultat um die Spitzenplätze ist ebenfalls nicht erfunden. Weiter sind die Klassenunterschiede ein wichtiges Thema und natürlich mangelt es nicht an amourösen Ver- und Entwicklungen.
Im Roman ist von einjährigen Duftwicken die Rede. An meinem Gartenzaun wachsen winterharte (also mehrjährige) Staudenwicken. Die Samen habe ich vor vielen Jahren in der Nähe aus einer Rabatte am Wegrand geerntet. Von meinem Garten aus ist die Kletterpflanze in einen Parkplatz weitergewandert und blüht auch dort zuverlässig jedes Jahr mehrheitlich in knalligem Pink.
«Duftwickensommer» ist nicht der erste Roman, den ich von Sylvia Lott gelesen habe. Hier ich vor zehn Jahren bereits ihr Buch «Die Rose von Darjeeling» ausführlich und mit grosser Begeisterung im Sofagarten vorgestellt.
Sylvia Lott:
Duftwickensommer
Blanvalet Verlag, 2025
Alle in diesem Beitrag erwähnten Bücher habe ich selber gekauft. Ich bin niemandem gegenüber in irgendeiner Weise verpflichtet und generiere keine Einnahmen aus den im Sofagarten vorgestellten Büchern.