Die Ich-Erzählerin Carolin Bauer arbeitet in einer Friedhofsgärtnerei beim Wiener Zentralfriedhof. Sie vermeidet wenn möglich direkten Kundenkontakt und fertigt im Nebenraum des Blumenladens Kränze und Gestecke. Sie ist keine ausgebildete Floristin und nicht ganz so geübt wie ihre Kolleginnen und Kollegen, von denen niemand ihre richtige Identität kennt und über ihre Vergangenheit Bescheid weiss. Obwohl Carolin unzählige Vorsichtsmassnahmen verinnerlicht hat und diese akribisch befolgt, ist die Angst, dass sie jemand aus der Vergangenheit erkennt, ihr ständiger Begleiter.
Die junge Frau war nämlich als Polizeispitzel tätig und versorgte das BKA mit Informationen über ein Verbrechersyndikat, das seinen kriminellen Aktivitäten hauptsächlich in Frankfurt und Umgebung nachgeht. Carolin Bauers früheres Ich liegt in einem Frankfurter Grab, doch die grausamen Erinnerungen kann sie eben so wenig abstreifen wie sich die Trauer um ihren Lebensgefährten auslöschen lässt.
Die genauen Hintergründe zur Vorgeschichte bekommt die Leserin häppchenweise serviert. Das ist ganz gut, denn sonst könnte es der Leserin angesichts der Bilder, die im eigenen Kopfkino während der Lektüre zu laufen beginnen, selber übel werden und der Appetit vergehen. Etliche grausame Verbrechen werden detailliert beschrieben und die Lektüre führt zu unterschiedlichen Schauplätzen von Revierkämpfen zwischen russischen und armenischen Clans, in denen einmal rote Farbe fliesst, aber meistens richtiges Blut.
Nicht nur im Wiener Zentralfriedhof, auch im grossen Frankfurter Friedhof spielen sich dramatische Szenen ab. Im Osten werden Gräber geschändet, im Westen bin ich wieder auf das Wort «Gewanne» gestossen, das ich erst kürzlich im Roman «Die Friedhofsgärtnerin» kennengelernt habe und in österreichischen Gottesäckern anscheinend auch nicht verwendet wird.
Eine bedeutende Rolle in der Kommunikation zwischen Carolin Bauer und ihrer Kontaktperson beim BKA spielt die heutzutage nicht mehr sehr geläufige Blumensprache. Regelmässige Blog-Leserinnen wissen vielleicht noch aus früheren Buchvorstellungen, dass es unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten für die gleichen Blumen gibt.
In den Thrillern werden etwa mit Schwertlilien Aufforderungen übermittelt, mit Salbei Achtsamkeit eingefordert und Butterblumen stehen für Sorge und Dotterblumen für baldige Kontaktaufnahme, während die doch eher fröhlich wirkenden Tagetes als Totenblumen bezeichnet werden. Mit verschiedenen Blumenbotschaften von Akelei (Feigling), Bambus (Leichtigkeit), Gänseblümchen (Triumpf des Kleinen über das Mächtige) über Hyazinthen (Abweisung), Märzenbecher (Ungeduld) und Petunien (Überraschung) bis zu weissen Rosen (Neuanfang), Wicken (Willkommen zurück) und Zittergras (Unruhe) erhält die interessierte Sofagärtnerin Einblick in die florale Kommunikationsform, die einen bedeutungsvollen Kontrast zum fesselnden Inhalt der drei Seitenumdreher bilden.
Von meiner vielleicht morbiden Faszination für Friedhöfe habe ich im Blog schon berichtet. Meine Stippvisite im Wiener Zentralfriedhof liegt schon rund ein Jahrzehnt zurück. Nichtsdestotrotz habe ich immer noch recht konkrete Bilder im Kopf, die das Lesevergnügen der Vanitas-Reihe unterstützten. An wenige Grabsteine von verschiedenen Friedhofsbesuchen erinnere ich mich so gut wie an einen in der österreichischen Hauptstadt. Aus Datenschutzgründen verzichte ich jetzt besser auf genauere Erläuterungen ….
Ursula Poznanski:
Die Vanitas Reihe
Buch 1 – Schwarz wie die Erde, 2019
Buch 2 – Grau wie Asche, 2020
Buch 3 – Rot wie Feuer, 2021
Knaur Verlag
Alle in diesem Beitrag erwähnten Bücher habe ich selber gekauft. Ich bin niemandem gegenüber in irgendeiner Weise verpflichtet und generiere keine Einnahmen aus den im Sofagarten vorgestellten Büchern.