Der Garten der kleinen Wunder gehört zu einem älteren mehrstöckigen Wohnhaus, in dem Toja und Bär leben. Die beiden Künstler haben ursprünglich mit Wille, kurz für Wilhelmine Sande, eine Wohngemeinschaft gebildet. Nachdem die schwer kranke Haus- und Gartenbesitzerin Wille vor ein einiger Zeit gestorben ist, lebt deren Geist in den beiden Bewohnern, im Haus und im Garten weiter. Zwischen alten Bäumen und Gemüsebeeten blühen Rosen, Iris, Cosmeen. Dahlien und viele andere Pflanzen um die Wette. Dazwischen hat die Künstlerin Wille Skulpturen platziert und über all dieser kreativen Unordnung thront auf dem Hausdach ein schrilles Chamäleon. Mit farbenfrohen Tieren und Blühern hat Wille nämlich zeitlebens gegen die allgegenwärtige Ordnungssucht der Menschen rebelliert, die längst die Gärten erreicht hat, wo Rasenkantentrimmer, Laubbläser und Mähroboter mehr oder weniger sinnvoll eingesetzt werden.
Eines Tages beobachtet Toja beim Gärtnern, dass ein junges Mädchen, das seit kurzem im von einem fast perfekten englischen Rasen umgebenen Nachbarhaus wohnt, neugierig in den Garten schaut. Dieses Bild weckt in der Mitdreissigerin Erinnerungen. Sie ist nämlich vor etlichen Jahren ebenfalls auf der Strassenseite des gleichen Zauns gestanden und hat neugierig in den Garten geschaut. Etwa im gleichen Alter wie das Mädchen war Toja seinerzeit und überwältigt von der Schönheit der Rosen, die sich in vielen Farben von weiss über gelb und rosa bis zu rot und violett über Paviollons und verschiedenste Kletterhilfen rankten. Eine Pracht, die so keinerlei Ähnlichkeit hatte mit den kraftlosen Rosenbüschen im Stadtpark, die das Mädchen Toja kannte.
So wie Toja damals von Wille im Garten willkommen geheissen wurde, bittet sie nun das Nachbarsmädchen herein. Vica heisst es und kommt nicht aus dem Staunen heraus. Mit Begeisterung kommt die Schülerin in der Folge regelmässig vorbei und hilft, stachlige Rosenranken aufzubinden, Verblühtes auszuputzen und durstige Pflanzen zu giessen. Vica fühlt sich bei Toja und Bär sehr wohl und bald schenken die beiden der Junggärtnerin ein eigenes Beet, im dem diese einen Steigarten anlegt und Ableger einpflanzt.
Es sind nicht nur der gleiche Vorname und die Liebe zur Botanik, die Toja und Vica verbinden. Beide Viktorias sind sehr introvertiert. Vica wohnt noch nicht lange mit ihrem geschiedenen Vater Florian zusammen. Die beiden haben sehr unterschiedliche Charaktere und wenig Berührungspunkte. Im Gegensatz zur Tochter ist der Augenarzt sehr offen und kommunikativ, hat aber keinen Blick übrig für wilde Pflanzen.
Vica möchte ihren Vater mit dem selber gebastelten 3D-Modell eines Gartenentwurfs von einer Gartenumgestaltung überzeugen. Sie träumt von einem Wildblumengarten, in dem sich Menschen und Tiere wohlfühlen und einer Sonnenuhr. Der Zeitpunkt scheint günstig, hat doch der Gärtner gerade den nicht zu gewinnenden Kampf gegen den ständigen Samenflug von Löwenzahn von Toja und Bärs Seite des Hags mit Ziel englischer Rasen aufgegeben und gekündigt.
Im Verlauf von überzeugendem dreidimensionalen Gartenplanentwurf, blumigen Träumen von luftigen Wolken aus Katzenminze bis zum Entfernen von Metallstäben zwischen den beiden Parzellen liegt ein ereignisreicher Sommer samt einer Party mit Pflanzengeschenken als Gastgeschenke, die gleich eingebuddelt werden, und der persönlichen Weiterentwicklung der Bewohner auf beiden Seiten des Zauns. Geschickt werden in die Lektüre Rückblicke in die frühere Dreier-WG aus Wille, Toja und Bär eingefügt. Der Roman ist ein feinfühliges Plädoyer, leise Menschen, die in der lauten Welt oft untergehen und deren Bedürfnisse vielfach ignoriert werden, so zu akzeptieren wie sie eben sind. Schliesslich ist Introvertiertheit weder eine Krankheit noch ein Fehler.
Patricia Kolles Bücher (neu mit Doppelname Koelle-Wolken) bürgen für einen ausgeprägt naturverbundene Rahmen. In ihren von mir bisher gelesenen Buchserien («Inselgärten», «Sehnsuchtswald») tragen etliche Figuren sehr spezielle Vornamen. Diesmal ist diese Besonderheit weniger auffällig. Bemerkenswert ist hingegen, dass zwei wichtige Figuren Victoria heissen, eine der Siegerinnen nennt sich Toja, die andere Vica. Des Weiteren vermitteln Koelles Romane ganz nebenbei immer allerlei Wissenswertes. Im «Lächeln der Libellen» (Teil der «Inselgartenserie») habe ich beispielsweise viel über Libellen erfahren, dass mir immer noch präsent ist und immer wieder einfällt, wenn eine Libelle in meinem Garten herumfliegt oder ich diesen schillernden Fluginsekten beim Wandern begegne.
Die Autorin und ihr persönlicher Garten der Wunder wurden übrigens Ende 2024 in einem Kurzbeitrag der MDR-Gartensendung vorgestellt, die im Internet verfügbar ist.
Patricia Koelle-Wolken:
Der Garten der kleinen Wunder
Rowohlt Verlag, 2025
Alle in diesem Beitrag erwähnten Bücher habe ich selber gekauft. Ich bin niemandem gegenüber in irgendeiner Weise verpflichtet und generiere keine Einnahmen aus den im Sofagarten vorgestellten Büchern.